Mein geheimer Freund

Eine Methode die Gemeinschaft stärkt und ein gutes Miteinander fördert

Die Methode „Mein geheimer Freund“ habe ich während meines Praktikums in einer ersten Klasse an einer Berliner Grundschule kennengelernt. Eingeführt hat sie die Klassenlehrerin im Morgenkreis zu Beginn der Woche. Jedes Kind, erklärte sie, bekommt einen geheimen Freund oder eine geheime Freundin zugelost. Und diesen Namen darf es eine ganze Woche lang niemandem verraten. 

Für Sechsjährige ist das ungefähr so, als müsste man eine Woche lang einenLuftballon unter dem Pullover tragen, ohne dass es jemand merkt.

Bevor es losging, überlegte die Klasse gemeinsam, was das eigentlich heißt: ein guter Freund sein, eine gute Freundin. Wie geht man nett miteinander um? Und warum sollte man überhaupt aufeinander achten? Die Antworten kamen schnell, und sie waren erstaunlich konkret. Den Stuhl für jemand anderen hochstellen. Im Sitzkreis einen Platz freihalten, direkt neben sich. Nachfragen, wie es dem anderen geht, und zwar so, dass man die Antwort auch wirklich hören will.

Während der Woche erinnerte die Lehrerin die Kinder immer wieder an ihre Aufgabe, eine geheime Freundin oder Freund zu sein. So blieb die Aufgabe präsent, auch zwischen Rechenheft und Pausenbrot, und die Kinder wurden angeregt, im Schulalltag besonders aufmerksam miteinander umzugehen.

Am Ende der Woche wurde geraten. Jedes Kind durfte eine Vermutung äußern, wer sein geheimer Freund gewesen sein könnte, und begründen, warum, etwa so: Der hat meinen Stuhl hochgestellt, die hat mir einen Platz freigehalten, das muss sie gewesen sein. Dann die Auflösung.

In der ersten Runde lagen alle falsch.

Schlimm war das überhaupt nicht, im Gegenteil. Es zeigte nämlich, dass viele Kinder auch ganz ohne Auftrag freundlich und aufmerksam miteinander umgegangen waren, einfach so. Nebenbei entstanden viele neue Ideen dafür, wie man sich im Alltag freundschaftlich verhalten kann. Und am schönsten fand ich, dass die Kinder Lob bekamen für das, was sie getan hatten, auch wenn sie es für jemanden getan hatten, dessen geheimer Freund sie gar nicht waren.

Ich habe die Methode deshalb als sehr positiv erlebt. Sie ist einfach umzusetzen, sie schärft den Blick füreinander, und sie bietet jede Menge Anlässe, über Freundschaft, Rücksicht und ein gutes Miteinander zu sprechen. Wobei das eigentliche Geheimnis, wenn ich ehrlich bin, gar nicht im Geheimnis lag. Sondern darin, dass am Ende niemand mehr so genau wusste, wer eigentlich wessen Freund gewesen war. Womöglich: alle von allen.